Elliesen Ruth, Glaesmer Heide, Koranyi Susan, Mehnert-Theuerkauf Anja
Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universität Leipzig, Deutschland.
Psychother Psychosom Med Psychol. 2022 Jan;72(1):18-25. doi: 10.1055/a-1499-8082. Epub 2021 Jul 26.
Todeswünsche bei Patienten mit einer fortgeschrittenen Krebserkrankung sind bereits seit längerem Gegenstand der psychoonkologischen Forschung. Auch wenn es inzwischen einige Ansätze gibt, die sich mit der Konzeptualisierung und Beschreibung von Todeswünschen befassen, fehlt es bislang an einem in der klinischen Praxis gut anwendbaren Konzept und dazugehörigen Erhebungsinstrumenten. Ziel der Studie ist deshalb die phänomenologische Beschreibung von Todeswünschen bei Patienten mit fortgeschrittenem Krebs. Dafür wurden N=228 transkribierte Psychotherapiegespräche von 76 Patienten im Rahmen der randomisiert-kontrollierten Psychotherapiestudie (CALM) hinsichtlich des Themas Todeswunsch explorativ analysiert. Von den untersuchten 76 Patienten berichteten 16 (21%) explizit von Todeswünschen. Mithilfe ihrer Beschreibungen konnten zwei Dimensionen identifiziert werden: (1) Gründe für Todeswünsche mit sieben Unterkategorien (Vermeidung von Schmerz und Leid, Kontrolle und Selbstbestimmung erhalten, körperlicher Abbau und Begrenzungen im Alltag, Angst vor Siechtum, Leben nicht mehr lebenswert, Gefühl der Lebensvollendung und alles getan zu haben, fehlende Zukunftsperspektiven) sowie (2) der Grad des mit dem Todeswunsch verbundenen Handlungsdrucks. Die Ergebnisse stimmen mit existierenden Theorien zu Todeswünschen bei Patienten mit einer fortgeschrittenen Krebserkrankung größtenteils überein. Als zusammengehörige Dimensionen des Phänomens Todeswunsch wurden sie jedoch bisher noch nicht beschrieben. Vor allem für die klinische Praxis scheint dies sehr sinnvoll zu sein, da die Gründe in der Therapie größtenteils bearbeitbar sein dürften und der Grad des Handlungsdrucks Aufschluss über die Notwendigkeit einer Intervention geben kann.Death wishes in patients with advanced cancer is a research topic of high interest in psycho-oncologic research. Despite existing concepts describing death wishes, there is a lack of clinically applicable concepts and appropriate instruments. The objective of this study was the phenomenological description of death wishes in patients with advanced cancer. For this purpose, we qualitatively explored N=228 transcribed psychotherapeutic treatment sessions of 76 patients derived from an RCT evaluating the efficacy of (CALM) psychotherapeutic intervention. Sixteen out of the 76 patients explicitly reported death wishes (21%). Two dimensions were identified: (1) reasons for a death wish with seven subcategories (avoidance of pain and suffering, maintaining control and self-determination, physical deterioration and limitations in everyday life, fear of infirmity, life not longer worth living, feeling of life completion and having done everything, lack of future perspectives) and (2) the degree of pressure to act associated with the death wish. These results are consistent with existing theories regarding death wishes in patients with advanced cancer. However, they have not yet been described as interrelated dimensions of the phenomenon of the death wish.